Wissenswertes 

Als man barhaupt den Grossen Aletschgletscher bannen wollte

Schon früh wurden die Talbewohner vom heranrückenden Grossen Aletschgletscher aufgeschreckt, so bereits während des Vorstosses im 17. Jahrhundert. Im September 1653 wurde eine Prozession durchgeführt, um den Eisriesen an seinem weiteren Vorrücken zu hindern. Man schritt unter der Leitung von zwei Jesuitenpatres von Brig barhaupt zum «Ort des Übels» und besprengte das Eis mit Weihwasser. Ein Schriftdokument beschreibt diesen Anlass detailliert:

«Unter den verschiedenen Exkursionen, die gemacht worden, ist besonders jene hervorzuheben, welche veranlasst wurde durch einen gewissen Berg an den Grenzen der Naterser, der sich im Verlaufe vieler Jahre aus zusammengewachsenem und aufgehäuftem Eis gebildet hatte. Er hatte eine ausserordentliche Höhe erreicht, mass in der Länge sechs Stunden und bedrohte bereits die benachbarten Weiden der Naterser. Um diesem Verhängnis zu entrinnen, sandten die von Naters Boten nach Siders (wo die Jesuiten eine Niederlassung hatten), begehrten hilfreiche Ratschläge, bereit durch Busse und andere gute Werke der christlichen Religion den göttlichen Zorn zu besänftigen. Es wurde der Tag festgelegt, an dem die Väter (Pater Dan. Charpentier und Pater Petrus Thomas ) nach Naters kommen sollten. Zur bestimmten Zeit treffen zwei unserer Patres daselbst ein. Nach siebentägiger frucht-bringender Arbeit auf diesem Ackerfelde (Predigt usw.) wird ein Bittgang nach dem Eisberge, der vier Stunden entfernt ist, veranstaltet. Trotz des Regens schreitet man barhaupt einher. Auf dem Wege wird entweder gesungen oder abwechselnd im Chore gebetet. Angelangt am Sitze des Übels wird vorab das hl. Messopfer gefeiert, dann eine kurze Predigt gehalten, hierauf mit dem Allerheiligsten der Segen erteilt, um den sich schlängelnden Gletscher einzudämmen und demselben Zügel anzulegen, auf dass er nicht weiter mehr sich ausdehne. Es werden die feierlichen Beschwörungen der Kirche in Anwendung gebracht und der äusserste Teil des Gletscherberges mit Wasser, geweiht im Namen unseres hl. Vaters (St. Ignatius), besprengt. Überdies wurde daselbst eine Säule aufgerichtet, auf der sich das Bildnis ebendesselben hl. Patriarchen befand, gleichsam das Bild eines Jupiter, der nicht flüchtigen Soldaten, sondern dem gefrässigen Gletscher Stillstand gebietet. Um diese Zuversicht auf die Verdienste des Heiligen blieb nicht ohne Frucht. Er hat den Gletscher zum Stehen gebracht, so dass er von nun an sich nicht weiter ausdehnte. Im Monat September 1653.» (Übersetzung aus dem Latein von Hw. Domherr D. Imesch in Sitten: aus Lüetschg O. 1926: 387)

Gemäss dieser schriftlich überlieferten Gletscherbannung wurde der Vorstoss des Grossen Aletschgletschers gestoppt. Wie wissenschaftliche Untersuchungen jedoch belegen, war dieser Halt nur von kurzer Dauer. Dies untermauern in den Hochstandswall eingebettete Lärchen, die zwischen 1664 und 1678 vom immer noch vorstossenden Gletscher umgedrückt wurden. Auch im Jahr 1818 versuchte man den vordrängenden Gletscher zu bezähmen, indem man im Üsseren Aletschji in unmittelbarer Nähe des ungemütlichen Nachbars ein Holzkreuz auf der «Baselflie» aufstellte. Auch auf der «Trift» (südöstlicher Sporn der Obflijeregga) stellte man ein Kreuz auf.