Wissenswertes 

Tradition für die Zukunft

Folklore, Brauchtum, Tradition – als visuelle und akustische Zeichen stellen sie eine Art Kurzsprache dar. Sie dienen der Orientierung in einer uniformen Welt. Und wenn sie bisweilen einer andern Zeit zu entstammen scheinen, sind sie doch stets dem Hier und Jetzt verpflichtet. So sind zahlreiche Volksbräuche des Wallis in einem bäuerlich-katholischen Symbolsystem entstanden. Trotzdem bestehen sie in einem multikulturellen Umfeld fort und befriedigen Bedürfnisse einer heutigen Gesellschaft.

 

Brauch überlebt nur im Gebrauch! Entsprechend unterliegt jede Tradition dem Zwang zur Innovation. Beispiel Tracht: Heute ein Symbol lokaler Einzigartigkeit, entwickelte sich dieses besondere Kleid aus der europäischen Mode des Ancien Régime heraus und erfuhr inzwischen manchen Formen- und Bedeutungswandel. Beispiel religiöses Brauchtum: Bedingt durch den gesellschaftlichen Umbruch, ist dieses grossenteils aus der öffentlichen Sphäre verschwunden. Doch dort, wo es überlebt, erfährt es eine Aufwertung, indem ihm nun als lokales Kulturgut eine neue Funktion zukommt. So stellen die Prozessionen an Fronleichnam an zahlreichen Orten des Wallis nach wie vor Höhepunkte im lokalen Festleben dar.

Die Tracht wird gemeinhin als etwas Zeitloses empfunden. Gleichwohl unterliegt auch sie den zeitbedingten Einflüssen von Innovation und Wandel. Im Lötschental hat sich die Tracht in jüngster Zeit zum reinen Kirchenkleid entwickelt. Als solches wird sie heute auch von jüngeren Frauen getragen. Zu ihnen gehört Domenica Volken-Ritler aus Kippel, die an den dreimal jährlich stattfindenden Prozessionen jeweils in der Festtagstracht teilnimmt: «Die Tracht ist schön, sie kleidet einen gut und sie ist wertvoll. Ich trage und zeige sie deshalb auch gern. Doch ziehe ich sie nur für kirchliche Anlässe an und würde damit kaum an einem Folkloreumzug mitmachen.»

In einem ganz anderen Trachtenverständnis ist die 1922 in Blatten (Lötschen) geborene Irene Henzen-Murmann aufgewachsen. Zu ihrer Zeit war die Tracht das einzige Frauenkleid im Lötschental. Als sie sich 1946 ein neues Kleid nach einem älteren Modell schneidern liess, stiess sie auf Ablehnung: «Ich bin in Blatten die Erste gewesen, die wieder ein Chleid [einteilige Tracht] gehabt hat, sonst hat man ja Schurz und Tschoop [zweiteilige Tracht] gehabt. Das Chleid war total verschwunden, und es brauchte Courage, zum ersten Mal wieder ein solches zu tragen.» Die Tracht ist hier kein Sonderkleid, sondern ein Alltagsgewand, das dem Wandel des Zeitgeschmacks folgt.