Wissenswertes 

Wie ein Ort des Schreckens zum beliebten Reiseziel wurde

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts begann man die Welt mit anderen Augen zu sehen. Bis anhin hatten die Berge als gefahrvolle Wildnis gegolten, in der böse Geister lauerten. Das Zeitalter der Aufklärung räumte mit solchen Vorstellungen auf. Die Bergwelt erschien jetzt in einem neuen Licht, nämlich als Landschaft erhabener Schönheit, die sich bald zu einem beliebten Reiseziel entwickelte.

Zu den Wegbereitern dieser Sichtweise gehörte der Berner Universalgelehrte Albrecht von Haller, der 1728 eine Reise durch die Schweizer Berge unternahm und seine Eindrücke im Lehrgedicht «Die Alpen» darlegte. Das Poem hatte in den gelehrten Kreisen Europas durchschlagenden Erfolg. Wissenschaftler und Schriftsteller unternahmen auf den Spuren Hallers Touren in die Berge.
Erste Reiseführer entstanden, etwa das Werk «Für diejenigen, welche eine Reise durch einen Theil der merkwürdigen Alpgegenden des Lauterbrunnenthals, Grindelwald und über Meyringen nach Bern machen wollen» des Berner Pfarrers Samuel Wyttenbach. Das Buch gehörte zum Reisegepäck Johann Wolfgang Goethes, als dieser 1779 seine zweite Reise durch die Schweiz unternahm. Am 9. Oktober fuhr er über den Thunersee nach Unterseen und weiter nach Lauterbrunnen, wo er im Pfarrhaus abstieg. Anderntags folgte ein Ausflug ins hintere Lauterbrunnental bis in die Gegend des Oberhornsees. 

Angeregt durch die Werke von Gelehrten, Dichtern und Malern begann sich ein breiteres Publikum für die Berge zu interessieren. So kam in dieser Zeit die sogenannte Grosse Oberland-Tour in Mode: Die frühen Touristen, die zumeist aus gebildeten und wohlhabenden Kreisen aus ganz Europa stammten, reisten von Interlaken ins Lauterbrunnental, stiegen zu Fuss oder zu Pferd auf die Wengernalp und gelangten via kleine Scheidegg nach Grindelwald. Dann führte die Reise weiter über den Saumpfad von Grindelwald über die Grosse Scheidegg durch das Rosenlauital nach Meiringen und über Brienzersee wieder zurück nach Interlaken. Diese Rundreise erreichte in der Belle Epoque an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Zahlreiche Hotels und Gasthäuser an dieser Route errichtet, viele zeugen noch heute von der Blütezeit dieser Tour, wie zum Beispiel das Hotel Rosenlaui. Mit der Eröffnung der Wengernalpbahn im Jahr 1893 verlor die Rundreise mit dem Fussmarsch über die kleine Scheidegg jedoch an Reiz. Zudem stand den Touristen ein zunehmendes Angebot an bequemen und luxuriösen Hotels zur Verfügung, in denen sie über längere Zeit verweilen und die Umgebung durch Tagesausflüge erkunden konnten. Diese bequemere Variante, der residentielle Tourismus, löste den Rundreise-Tourismus schliesslich ab.