Wissenswertes 

Gipfelsturm im Lauterbrunnental

Das Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe über das Naturwunder des Staubbachs, bewirkte am Ende des 18. Jh. das, was heute ganze Heerscharen von Werbetextern versuchen: Es lockte Menschen in das Lauterbrunnental. Zuerst waren es Wissenschaftler, Schriftsteller und Maler, die sich von der grandiosen Landschaft begeistern liessen. Ihnen folgten im 19. Jahrhundert wohlhabende Reisende, die nicht mehr in erster Linie ihren Wissensdurst stillen wollten: ihre Antriebsfeder waren Erlebnishunger und Abenteuerlust.

So wurde im Jahr 1811 als erster Viertausender der Schweizer Alpen die Jungfrau bestiegen. Die Erstbesteigungen weiterer Gipfel des Lauterbrunnentals in den folgenden Jahrzehnten waren auch Ausdruck einer Erscheinung, die man heute noch kennt: Es ging darum, der Erste zu sein, der Beste. Und genährt wurde dieser Run auf die Gipfel von dramatischen Begebenheiten, wie zum Beispiel der Erstbesteigung des Breithorns am 31. Juli 1865. Es waren zur selben Zeit zwei Seilschaften am Berg, die ihre Pläne geheim gehalten hatten. Beim Aufbruch vom Biwak bei der Wetterlücke wurde sich der Geologe Edmund von Fellenberg gewahr, dass ihm der Grindelwaldner Bergführer Christian Almer dicht auf den Fersen folgte. Nach mehrstündigem Wettkampfklettern erreichte von Fellenberg den Gipfelgrat, rannte über die Gipfelwächte und erreichte den Gipfel als Erstbesteiger. Nur zehn Minuten später stand auch sein Rivale Almer auf dem Gipfel – und sah sich im Wettstreit um den Lorbeerkranz des Erstbegehers geschlagen. 

Der Sturm auf die Gipfel und die zunehmende Zahl der Reisenden hatten weitere Auswirkungen: nach und nach wurde für die frühen Touristen eine eigene Infrastruktur eingerichtet. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden erste Gasthäuser in der Höhe – zunächst auf der Wengernalp und der Kleinen Scheidegg, danach auch in Wengen und Mürren.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden im Talgrund zudem befestigte Strassen und Fahrwege gebaut. Für den Transport von Reisenden begann man gleichzeitig die Höhen zu erschliessen: 1891 ging die Bergbahn von Lauterbrunnen über die Grütschalp nach Mürren in Betrieb, 1893 die Bergbahn von Lauterbrunnen über Wengen und die Wengernalp auf die Kleine Scheidegg. 

1896 schliesslich erfolgte der Spatenstich für das ehrgeizigste der Vorhaben: dem Bau einer Bahn auf die Jungfrau. Initiant dieses visionären Projekts war der Zürcher Industrielle Adolf Guyer-Zeller. Am Bau waren Hunderte von Arbeitern beteiligt. Unter mühsamen Bedingungen vollbrachten sie vorwiegend in Handarbeit gewaltige Leistungen. Die Bauarbeiten waren von Sprengunfällen, Streiks und finanziellen Problemen überschattet. Mit dem Durchstich des Tunnels auf dem Jungfraujoch kam das Projekt 1912 nach wesentlich längerer Bauzeit als ursprünglich vorgesehen zu seinem Höhepunkt – und gleichzeitig zu seinem Abschluss. Damit wurde das hochalpine Erlebnis, welches bis dahin den Alpinisten der ersten Stunde vorbehalten war, für ein breites Publikum zugänglich. Heute ist das Jungfraujoch eines der bedeutendsten Ausflugsziele der Schweiz.