Wissenswertes 

Weshalb die Suonen die Lebenslinien des Wallis sind

Die Wasserleiten, Wasserfuhren oder Suonen, französisch «bisses», durchziehen das Land wie Blutadern einen menschlichen Körper – heute noch auf einer Länge von knapp 2000 Kilometern. Die meisten von ihnen dürften vor 900 bis 1000 Jahren entstanden sein. Ob in Nordafrika abgeguckt, wie manche sagen, oder selber ersonnen: Not macht Menschen erfinderisch – auch dann, wenn es darum geht, der Niederschlagsarmut ein Schnippchen zu schlagen. Wasser gibt es zwar reichlich im Gletscherland Wallis, aber für die Menschen am falschen Ort: fast unerreichbar in den tief eingefressenen Schluchten der Bäche. Die Suonen machen dieses Wasser den Menschen nutzbar. Und als Traumpfade erschliessen sie die einmalige Walliser Natur- und Kulturlandschaft.

Suonen sind Trennstriche in vielen Walliser Landschaften: Spät im Sommer, wenn die Felsensteppe verdorrt und vergilbt, prangen die Matten und Wiesen unterhalb der Suonen in sattem Grün, weil sie bewässert werden. Dabei gilt ihr Wasser aus zwei Gründen als besonders geeignet für die Bewässerung: Gletscherwasser führt – wie man aus seiner Trübung leicht ersehen kann – erhebliche Mengen von Mineralien und natürlichen Schwebestoffen mit wie Phosphor, Kalk und jede Menge Kali- und Magnesiumsalze. Das ist purer Naturdünger. Die Luft liefert dazu Sauerstoff und die Sonne der Südhänge die Wärme. Auf seinem langen Weg durch Wiesen und an Felswänden entlang erwärmt sich das Gletscherwasser um mehrere Grad. Dies mindert später beim Bewässern für Blumen und Gräser den Kälteschock. So hat die traditionelle Bewässerung mit ihren sanften Methoden jene biologische Vielfalt hervorgebracht, die zusammen mit einem späten Schnitt der Mähwiesen den unschätzbaren Wert der Walliser Kulturlandschaft ausmachte und teils noch heute ausmacht. 

Das über die Suonen geleitete Wasser der Gletscherbäche erleichterte den Menschen vor der Mechanisierung den Alltag: Seine Kraft trieb Sägereien und Mühlen an und ermöglichte so den Bau der Häuser; Wasserkraft mahlte das Mehl, aus dem das Roggenbrot gebacken wurde. Aber auch die modernen Bewässerungsanlagen mit ihren Wasserwerfern wirken sich im Endeffekt segensreich aus: Die Bewirtschaftung wird nach wie vor erleichtert und darum behalten auch die Suonen ihre Funktion.

Suonen schützen auch die Landschaft: Sie geben immer wieder Wasser an ihre Umgebung ab und wehren so auf ganzen Talflanken durch Bewuchs der Erosion. Bei Waldbränden kann ihr Wasser erst noch zu Löschzwecken gebraucht werden. Der Kanton macht daher schon seit den 1980er-Jahren die Erhaltung wichtiger alter Wasserleiten zur Bedingung, wenn moderne Bewässerungssysteme zur Bewilligung anstehen. Für den Unterhalt dürfen nur natürliche Materialien verwendet werden.