Wissenswertes 

Welchen aussergewöhnlichen Schatz der Untere Grindelwaldgletscher gleich zweimal freigab

Die Geschichte vom verzauberten Dornröschen, das nach 100 Jahren Schlaf vom Prinzen wach geküsst wird, kennt ein jeder. In abgewandelter Form hat sich Ähnliches in Grindelwald zugetragen. Nur dass hier keine Prinzessin hinter Rosenranken schlummerte, sondern Schätze von aussergewöhnlichem Wert und Schönheit unter dicken Eismassen.

Im 18. Jahrhundert wurden schmale Lagen und Nester von vielfältig ausgebildeten bunten Marmoren am Unteren Grindelwaldgletschter entdeckt. Da der europäische Stadtadel sowie das betuchte Bürgertum des 18. Jahrhunderts versessen darauf waren ihre Wohnungen mit Marmor auszustatten, kam es zu einem regen Abbau des Materials, vor allem weil Farbe und Struktur in idealer Weise dem Geschmack des Spätbarock entsprachen. Ob als Kaminumrahmungen, Säulen oder an reich verzierten Möbelstücken, Marmor tauchte zu dieser Zeit in den unterschiedlichsten Formen auf. Die Werkstatt Funk in Bern ist untrennbar mit dem Grindelwalder Marmor verknüpft. Hier wurde das Material zu ausgesprochenen Luxusartikeln weiterverarbeitet.

Der Abbau konnte jedoch nur rund 20 Jahre erfolgen, da der Untere Grindelwaldgletscher nach 1760 mit grosser Geschwindigkeit vorstiess und bereits angeschriebene Marmorblöcke unter den Eismassen begrub. Der Bruch scheint 100 Jahre lang völlig in Vergessenheit geraten zu sein. In anderen Worten: er lag in einem tiefen Dornröschen-Schlaf. Jedenfalls war das Staunen gross als der Gletscher bei seinem Rückzug 1865 behauene und beschriftete vom Eis etwas gerundete und geschliffene Marmorblöcke freigab. Der Marmorabbau wurde nach der Wiederentdeckung erneut aufgenommen. Grindelwalder Marmor fand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch beim Bau des Bundeshauses und der Universität von Bern Verwendung. Die Konkurrenz besser erschlossener Steinbrüche im Wallis und im Ausland war für den örtlichen Bergbau schädlicher als der Gletscher: Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Abbau endgültig eingestellt. Der Steinbruch ist heute frei zugänglich; er befindet sich beim Restaurant Marmorbruch auf einer Anhöhe über der Mündung der Schlucht des Unteren Grindelwaldgletschers. 

Ausserdem können einige der in der Werkstatt Funk entstandenen Objekte in Museen oder öffentlichen Bauten bestaunt werden.