Gletscherdorf GrindelwaldGletscherdorf Grindelwald

Von Andreas Staeger, Überarbeitung Managementzentrum

Die unmittelbare Nachbarschaft von lieblichem Wiesengrund und hochalpinem Gebirge hat Grindelwald schon im 19. Jahrhundert zu internationalem Renommée verholfen. Auf der Ost- und der Westseite des Schreckhorns ergossen sich die Eisströme zweier Gletscherzungen bis ins nahe Siedlungsgebiet. Der Obere Grindelwaldgletscher endete auf 1200 m ü. M., die Zunge des Unteren Grindelwaldgletschers gar 200 Meter tiefer– näher und eindrücklicher liess sich nirgends sonst in Europa die Erhabenheit und der Schrecken des ewigen Eises erleben.

Und es war kalt in der letzten Eiszeit: Die Durchschnittstemperaturen lagen 12 bis 15 Grad unter den heutigen Werten. Das ganze Rhonetal und sämtliche Walliser Seitentäler lagen also unter einer praktisch zusammenhängenden Eismasse, so auch das gesamte Aletschgebiet. Aus diesem Eismeer ragten nur die höchsten Bergspitzen hervor: Das Finsteraarhorn, das Aletschhorn, das Eggishorn, das Bettmerhorn, das Bietschhorn und das Sparrhorn. Das Gebiet zwischen Fiesch und Brig war von einer schätzungsweise 1400 bis 1600 Meter dicken Eisschicht bedeckt, das Gebiet der Riederfurka immer noch von einem Eismantel von 300 bis 400 Meter Dicke umgeben.
Doch dann wandelte sich das Klima; es wurde wärmer. Der Eispanzer wurde brüchig, das geschlossene Netz der Eisströme zerfiel. Die Alpengletscher zogen sich in die Täler zurück. Beim letzten grossen Vorstoss um 12'600 bis 11'700 Jahren vor der heutigen Zeitrechnung wuchtete der Fieschergletscher den Moränenwall im Äbi- und im Wichulwald auf. Als sich der Grosse Aletschgletscher zurückbildete hinterliess er einen riesigen Moränenwall, von dem Überbleibsel unterhalb des Hotels Belalp im Holzji, beim Weiler Egga und auf der Massegga bei Naters erhalten sind. Dieser Vorstoss ist auch auf der linken Talseite des Aletschtales dokumentiert: Der Grosse Aletschgletscher schüttete einen Moränenwall auf, der sich mit Unterbrüchen unterhalb des Eggishorns und des Bettmerhorns bis fast zur Riederfurka hinzieht. Auf der gegenüberliegenden Talseite finden sich Spuren bei der Alp Driest. Am Weg von Fiesch nach Kühboden kommt man am «Gogwärgji»-Turm vorbei, der aus späteiszeitlichem Moränenmaterial besteht.
Das Klima war keineswegs stabil: Kalt- und Warmphasen wechselten in unregelmässigen Abständen. Dabei bewegten sich die Gletscher innerhalb einer Bandbreite, die ungefähr durch die heutige Ausdehnung und durch den Hochstand um 1850/60 begrenzt wird. Während der letzten markanten Kaltphase von 1300 bis 1850/60, die auch als Kleine Eiszeit gilt, waren die Gletscher mächtiger als heute. Sie stiessen mehrmals zu Höchstständen vor und lagerten dabei Moränenwälle ab, die das heutige Gletschervorfeld begrenzen, wie die Beispiele des Driest- und Zenbächengletschers zeigen. In früheren Warmphasen schmolzen die Alpengletscher durchaus auf ihre heutigen Dimensionen ab; zeitweise waren sie sogar weniger ausgedehnt als heute - so etwa in der mittelalterlichen Warmphase von 800 bis 1300. 
Gletscher schleifen, planieren und gestalten eine Landschaft. Die Spuren der eiszeitlichen Vergletscherung finden sich noch heute an vielen Orten: So zeichnet sich die maximale Höhe der eiszeitlichen Vergletscherung an der Obergrenze der senkrecht abfallenden Felsen am Hohstock oberhalb der Belalp, an den Fusshörnern, am Geissgrat und am Zenbächenhorn ab. Auf die landschaftsformende Urgewalt der Eisströme gehen der sanft gerundete Grat von der Hohbalm bis zur Riederfurka, die Eintiefungen der Märjela und der Riederfurka und auch die abgeflachten Hangterrassen von Bellwald, der Bettmeralp und der Riederalp zurück. Felspartien wurden vom feinen Gesteinsmehl an der Unterseite der Gletscher zusätzlich abgeschliffen. Besonders eindrücklich sind diese glazialen Formen und Formationen beim Abstieg von der Bettmerhornstation in Richtung Riederfurka zu beobachten. Im Eis eingefrorene Gesteinsbrocken haben auf der Oberfläche dieser Felszüge die typischen Gletscherschrammen hinterlassen. Sie zeigen die Fliessrichtung des Eises an. In ausgeschliffenen Mulden sammelte sich das Schmelzwasser und bildete Seelein wie der Bettmersee oder der Blausee.

Seit dem Mittelalter lebt die Gegend sozusagen im Rhythmus der Gletscherbewegungen: Dem Rückzug folgte jeweils ein rabiater Vorstoss. Wenn das Eis vorrückte, hatte das für die Bewohner oft verheerende Auswirkungen. Das Eis bedeckte wertvolles Kulturland und zerstörte Wohnhäuser und Ökonomiegebäude. Zudem beeinflussten die Eismassen auch das Mikroklima in ihrer Nähe: Diese «Eisschrankwirkung» führte zu negativen Auswirkungen auf den damals wegen der Selbstversorgung noch wichtigen Getreideanbau. «Die ausserordentliche Grösse der Gletscher verspätete die Kornernte um einige Wochen», stellte ein Chronist im Jahre 1787 fest.

Gewitzt durch ihre Erfahrungen und Beobachtungen, vermuteten die Bewohner der Talschaft schon früh einen Zusammenhang zwischen dem Klima und den Launen der Gletscher. Allerdings folgerte man aus den jeweiligen Bewegungsabläufen noch nicht, dass Gletschereis trägem Wasser gleich zu Tale strömte. Ausgerechnet ein einfacher Hirtenknabe begann 1773 damit, die Gletscherbewegungen mit Markierungen auf dem Oberen Grindelwaldgletscher systematisch zu untersuchen. Doch die Wissenschaftler taten seine Erkenntnisse als Selbstbetrug ab. Die Zeit sollte dem namenlosen 15-jährigen Hirtenbuben allerdings eine späte Genugtuung verschaffen: Er darf heute mit Fug und Recht als Pionier der experimentellen Gletscherforschung gelten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erreichten die beiden Grindelwaldgletscher ihre mächtigste Ausdehnung in der Neuzeit. Die gewaltigen Eismassen prägten das Erscheinungsbild des Tales und verhalfen Grindelwald zu seinem Ruf als Gletscherdorf. Gletschereis wurde zwischen 1860 und 1914 am Unteren Grindelwaldgletscher auch kommerziell abgebaut und als begehrtes Kühlmittel bis nach Paris exportiert. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts zogen sich die Gletscher auch in Grindelwald zurück – zu Beginn nur langsam, seit den 1990er Jahren beschleunigt.

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